1914
1914
„Wird die Massenproduktion die Arbeit der Individualisten verdrängen?“
Typisierung versus Individualisierung – Muthesius contra van de Velde
Auf der 7. Jahreshauptversammlung des Deutschen Werkbunds vom 2. bis 6. Juli 1914, die anlässlich der ersten großen Werkbundausstellung in Köln stattfand, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppierungen im Werkbund, die als „Typenstreit“ in die Geschichte einging. Anstoß der Debatte waren zehn von Hermann Muthesius formulierte Leitsätze, die er der Versammlung schriftlich vorgelegt und in einem Vortrag erläutert hatte. Zentral war der Begriff „Typisierung“, mit dem die Entwicklung von „Typen“ in der Architektur und den angewandten Künsten als ästhetische, politische und wirtschaftliche Notwendigkeit gefordert wurde. Nur über diesen Weg einer „heilsamen Konzentration“ auf den Typus sei „harmonische Kultur, (…) sicherer Geschmack“ und „Ausstrahlung auf das Ausland“ zu erreichen. Muthesius’ Forderung provozierte den Protest derjenigen Werkbundmitglieder, die hierhin nur aufgezwungeneVorschriften und Einschränkungen ihrer künstlerischen Freiheit sehen konnten. Stellvertretend für die Gegenseite führte Henry van de Velde zehn Gegenthesen aus, in denen künstlerische Individualität und persönliche Inspiration gegen jede Einmischung von außen verteidigt wurden. Beide Kontrahenten fanden in der anschließenden Debatte ihre lebhaften Fürsprecher. Die „Individualisten“ konnten sich letztlich durchsetzen, Muthesius nahm seine Thesen weitgehend zurück und bot sogar seinen Austritt aus dem Werkbund an. Doch es handelte sich um einen Pyrrhussieg, denn die bald einsetzende Kriegswirtschaft und die wirtschaftliche Not der Kriegs- und Nachkriegszeit erzwangen eine Typisierung der Produktion fast von selbst. Als sich der deutsche Werkbund Mitte der zwanziger Jahre ganz dem Neuen Bauen und der industriellen Massenproduktion zuwandte, hatte sich die Position von Muthesius als die eigentlich zukunftsweisende herausgestellt.
Bezug zu Richard-Riemerschmid:
Im Jahre 1914 engagierte sich Richard Riemerschmid als eines der aktivsten Mitglieder an der “Werkbund-Ausstellung” in Köln.