Gartenstadt Hellerau

Hellerau: erste reine Gartenstadt Deutschlands
Eine Siedlung zum „Ausdruck einer neuen besseren Zeit“!?

Während unseres Aufenthalts in Berlin besuchen wir auch die Ausstellung „100 Jahre deutscher Werkbund“ in der Akademie der Künste, Berlin. Bereits beim Eintritt in die Ausstellung fällt der erste Blick auf ein 1:500 großes Holzmodell; das der ersten deutschen Gartenstadt Hellerau von 1914. Der Musterort des Werkbundes nach Konzeption von Richard Riemerschmid, dessen Name für Fortschritt steht. Obwohl dieses „Modell für ein glücklicheres Leben“ weder der Anfang der Ausstellung ist, noch die unangefochtene Hauptattraktion, macht es von selbst auf seine große Bedeutung aufmerksam. Es scheint aus gewöhnlichen Holzklötzen gebaut zu sein; auch hier sehen wir einfachste Formen. Im Kontext zueinander allerdings beschreiben sie den Aufbau und die Architektur einer ganzen Siedlung in all ihren Details. Wir können um das Modell herum gehen und es von oben betrachten, sehen die Siedlung und können fast schon den ganzen Zusammenhang erkennen…

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„Denn die Gartenstadt (…) soll den Zusammenschluss von Kräften entwickeln, die vom Leben durch ihre Leistungen etwas gewinnen, es geistig und materiell nutzbringend gestalten wollen (…). Und wir hoffen es zu erleben, dass die Gartenstadt nicht mehr als ein künstlerisches und wirtschaftliches Problem beleuchtet wird, sondern eine neue von allen Deutschen anerkannte Tatsache ist, eine blanke Waffe im Kampfe um den sozialen Frieden.“ (Erich Hoenell, 1911)

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Der Deutsche Werkbund, als Instanz zur Durchsetzung und Bekanntmachung technischer Innovationen, neuer ästhetischer Normen und gesellschaftlicher Wertorientierungen, hatte sich nicht nur die Veredelung der gewerblichen Arbeit zum Ziel gesetzt, sondern auch die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen.

Denn „je mehr wir uns der Qualitätserzeugung zuwenden“, so Naumann, liberaler Politiker und geistiger Vater der Bewegung 1907, „desto besser wird es um die Durchschnittshöhe des Deutschen Menschen stehen. Hier ist der Punkt, wo Kunst und Handelspolitik und Sozialpolitik sich berühren.“

Karl Schmidt, Gründer und Direktor der wirtschaftlich erfolgreichen Dresdener Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst, setzte diese Ideen als Gesamtkunstwerk in Hellerau um. Fußend auf dem Gartenstadtgedanken “Garden Cities of Tomorrow” von Ebenezer Howard beauftragte er den Münchener Architekten Richard Riemerschmid mit dem Bauplan eines Gemeinschaftswesens von Werkstattanlage, Wohnhäusern der Arbeiter und Gartenanlage. Ziel der um 1900 in England entstandenen Gartenstadtbewegung war es, neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens mit den Ausdrucksmitteln Kunst und Architektur einzuführen. Neue Werkstätten für die maschinelle Produktion günstiger, aber hochwertiger Möbel würden mit einer strukturierten Gemeinschaftssiedlung als zusammenwirkendes Gefüge von Wohnen und Arbeit, Kultur und Bildung dienen, geprägt von den neuen Lebensreformen.

„Lange genug haben wir die Menschen um uns verschandelt.“

Ein Leben und Arbeiten im Grünen: eine Idee für den Weg sowohl zur Befreiung aus den ehernen Großstädten als auch zur Lösung der sozialen Frage für ein menschenwürdiges Leben. Grüne Siedlungseinheiten an den Stadträndern in direkter Nähe zur Arbeitsstätte sollten der Wohnungsmisere in den Industriestädten Abhilfe schaffen. Schmidt gründete eine „Gemeinnützige Gartenbaugesellschaft mbH”, die den künftigen Bewohnern zu günstigen Konditionen den Erwerb von Wohnhäusern ermöglichen sollte. Der Grund bliebe im Besitz einer Genossenschaft und die Mieter wären unkündbar.
Richard Riemerschmid, Gestalter des floralen Jugendstils, versuchte diese Grundgedanken Schmidts mit seinen eigenen Idealen zu kombinieren. Ein Organismus aus Ästhetik und Zweckmäßigkeit basierend auf Qualitätsanspruch und Stilbewusstsein.

“Nicht die Kunst schafft den Stil, das Leben schafft ihn. Er wird nicht gemacht, er wächst.”

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Seine Orientierung für alle Entwürfe und Formen ging stets aus den alltäglichen Bedürfnissen des Menschen, seines Arbeitslebens und Freizeitalltags hervor, angelehnt an eine harmonische Eingliederung in die Natur. Die Werkstätten in Hellerau baute er in lange, extrem schmale lichtdurchflutete Gebäude, damit für jeden die Arbeit bei Tageslicht möglich war.

„Was die Maschine erzeugt, muss nicht geschmacklos sein“

Kostengünstige Produktion in hochwertiger Qualität stand im Vordergrund. Für die Mitarbeiter der Werkstätten wurden die ersten typisierten Häuser Deutschlands entworfen. Jegliche „Veredelung“ geschah unter Berücksichtigung von Funktion und Ausgaben. Somit sollte höchster künstlerischer Anspruch preiswert umgesetzt werden. Riemerschmid legte als gelernter Maler grundsätzlich viel Wert auf eine Verbindung von Kunst und Gebrauchsdesign: geschmackvoll, zweckmäßig und modern.

Auf diese Weise erfolgte am 9. Juni 1909 in Hellerau „Am grünen Zipfel“ die Grundsteinlegung für den Siedlungsbau in Form einer Schraubzwinge. Es wurden ländliche Reihenhäuser, zweistöckige Bürgerhäuser und das Villenviertel errichtet, um auch die gehobene Klasse anzuziehen. Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze verlegte sein Institut von Genf nach Hellerau und Architekt Heinrich Tessenow erhielt den Auftrag für ein Festspielhaus, in dem die Kinder der künftigen Gartenstadt und angehende Lehrer unterrichtet würden.

Das hügelige Gelände wurde von Riemerschmid für die Gestaltung geschickt genutzt. Den Straßen gab er einen bogenförmigen Verlauf, um so Natur und Architektur in Einklang zu bringen.

Wir blicken auf das im Jahr 2007 nachgebaute Modell der Gartenstadt. Der Kern, ein Markt, umringt von einem Stadtzentrum mit den notwendigen öffentlichen Einrichtungen sowie der Fabrik der Deutschen Werkstätten. Eingeschossige Wohngebäude erstrecken sich an der Westseite, östlich hingegegen mehrgeschossige Wohnbauten. Geschäfte, Badehaus, Praxen, Ledigenwohnheim, Schule und Schülerwohnheim gestalten die Dresdener Gartenstadt “Au am Heller”.

Bis heute repräsentiert sie alle späteren Epochen des Eigenheim- und Siedlungsbaus des 20. Jahrhunderts. Die gesamte Anlage steht als Zeugnis des modernen Städtebaus unter Denkmalschutz. Die Nachfrage nach Wohnraum in Hellerau ist weiterhin sehr groß. Viele Häuser sind mittlerweile in Privatbesitz.

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Kann geschmackvolles Wohnen preiswert sein?

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